Anmerkungen zur „Krise der Antifa“

Zur innerlinken Debatte um die Akzeptanz und Unterstützung antisemitischer Klüngel.

Vor ca. 4 Wochen wurde durch die Bekanntmachung einer geplanten Veranstaltung im soziokulturellen Zentrum „die naTo“ eine heiße Debatte angestoßen. Diese ist nicht neu, nicht einmalig, sondern blickt auf eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit dem eigenen Antisemitismus und ideologischen Projektionen innerhalb der radikalen Linken zurück.

Auf leipzig.antifa.de erschien daher völlig zurecht ein Outing- bzw. Recherche-Artikel. Nun sendete ein_e Leser_in ein persönliches Statement ein, in welchem der Artikel als verfehlt, überzogen und Ausdruck hegemonialer Gewaltausübung interpretiert wird. Der nachfolgende Text greift die in dem Artikel getroffenen Behauptungen auf um an ihnen zu verdeutlichen, welche Anknüpfungspunkte und Querfronten – gerade in einer radikalen Linken – zu antisemitischen Gruppen bestehen bzw. wie diese durchsetzt davon ist.

Von [E]manzipation & [A]ntifa

Die Paralyse der Kritik

Am 21.10.2014 wurde auf einer Plattform „zum Streiten um Nazis, Rassismus und andere Zumutungen“ ein Leser_innenbrief veröffentlicht, dessen Ziel es ist, die Propaganda eines lokalen Arbeitskreises verständlich zu machen und ihn in Schutz zu nehmen um ihm Raum zu bieten, seinen Antisemitismus auszuleben1.

Im Artikel heißt es, die radikale Linke könne „abweichende Positionen nicht ertragen“ und nutze ihre „Vormachtstellungen aus […] um diese zu bekämpfen“. Im Sinne eines (gewaltvollen) Kampfes um Deutungsmuster und hegemoniale Positionen in einer gesellschaftlich vollkommen marginalisierten Szene meint der_die Leser_in ausgemacht zu haben, dass es in Leipzig schlecht stände um traditionelle antiimperialistische Flügel und verkürzte Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, sich im Outing sogar ein „sektiererisches Verhalten innerhalb der Linken“ manifestiere. Ein sektiererisches Verhalten gibt es in der Linken in der Tat, aber nicht bezüglich des vorliegenden Themas, sondern im Umgang mit innerlinken Körperverletzungen und Gewaltdelikten2. Dem_der Autor_in geht es in postmoderner Manier dabei um eine vermeintliche Gerechtigkeit im argumentativen Austausch. Seiner_ihrer Meinung nach könne man sich aus dem pluralistischen Angebot aller gleichrangigen Meinungen die beste, adäquateste oder einfachste aussuchen – sie hätte ja den gleichen Stellenwert der Sachlichkeit und Fundiertheit. Dass in einem Recherche-Artikel3 „auf Kritik an den Positionen des AKN […] weitestgehend verzichtet [wird]“, das „Fehlverhalten der Gruppe bzw. Person aufgelistet und entsprechend verschlagwortet“ wird, wird als Argument für die These des ungleichen und ungerechten Meinungskampfes angeführt, dessen Ziel es sei „allein auf die Empörung der Leserin“ anzuspielen. Dem_der Verfasser_in scheint trotz seiner Selbstverortung im Antifa-Milieu nicht bewusst zu sein, welche strategischen Methoden für welche politischen Zwecke eingesetzt werden sollten. Er_sie verdeutlicht dadurch in der Tat in welcher Krise sich „die Antifa“ zur Zeit befindet. Seine_ihre Forderung, in einem Recherche-Artikel eine fundierte Kritik an den dargestellten Positionen zu formulieren, wirkt genauso absurd wie bei einem Outing von Neonazis der umliegenden Bevölkerung erklären zu wollen, warum es falsch ist, Juden anzugreifen oder vermeintliche Ausländer zu beschimpfen. Ein Outing zielt mit der Denunziation und Diskreditierung der betroffenen Personen und/oder Gruppen aufgrund ihrer ideologischen Verblendung bestenfalls auf den Auschluss aus gesellschaftlichen Sphären und politischen Kreisen, weil sie gefährlich und reaktionär sind. In einem Outing kann daher schlicht kein Platz sein, sich grundlegend mit kompletten Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Für die umfassende Bekämpfung und Kritik ideologischer Auffassungen sind andere Formen der Kommunikation nötig. Allgemein ist dies Anliegen von Theorie oder theoretischen Artikeln, Büchern oder Zeitschriften als adäquates Medium. Im Gegensatz dazu ist ein Outing aufgrund einer umfassenden Recherche ein viel pragmatischeres Mittel der Verständigung. Ein Outing setzt bereits voraus, dass zumindest eine oberflächliche, inhaltliche Auseinandersetzung geschehen ist, auf deren Basis die Adressaten nur noch darauf aufmerksam gemacht werden müssen, bei welchen Gruppen/Personen sich diese Ideologien wiederfinden. Es zielt auf die Markierung der Betroffenen, nicht auf die Dechiffrierung der menschenverachtenden Ideologien. Ein Outing ist eine Praxis um im konkreten tätig zu werden und gegen abstrakte unterdrückende Verhältnisse anzugehen um diese zumindest in ihrer Erscheinung zu bekämpfen. Ein Outing von Neonazis – um zum Beispiel zurückzukommen – ändert nichts an den (materiellen und sozialen) Verhältnissen, die Menschen dazu bewegen, sich in den neonazistischen Sumpf zu begeben. Die Unterstützung von Geflüchteten im Alltag, sei es bei der Begleitung zu Ämtern, dem Umtausch von Gutscheinen zu Bargeld oder Nachhilfe beim Sprachunterricht ist auch eine solche Praxis, die direkt an Missständen ansetzt und versucht im konkreten eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu bewirken. Natürlich werden dadurch keine rassistischen Gesetze, institutionelle Diskriminierung oder unmenschlichen Wohnverhältnisse angegriffen. Frontex schiebt weiterhin Menschen im Mittelmeer ab, die Festung Europa zieht ihre Mauern höher und zwangsautoritäre, sozialchauvinistische Vergemeinschaftungsideen wie die der AfD verbreiten sich zunehmend. Trotzdem haben solche pragmatischen Formen der Praxis ihre bedauerliche Berechtigung. Dass sie die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wirksam und nachhaltig angreifen ist dennoch keine Rechtfertigung dafür, gänzlich auf sie zu verzichten. Eine Leipziger Gruppe hielt dazu treffend fest: „zuerst richtet sich also unser Kampf immer gegen etwas. Er stellt sich gegen eine erfahrene Verwertungslogik, er ist antifaschistisch, antirassistisch, antisexistisch und so weiter. Wir grenzen uns ab gegen Strukturen und Institutionen, welche für uns das Falsche verkörpern, daraus entstanden sind und es reproduzieren. So zentral doch aber der Erfahrungsgehalt einer konkreten Politisierung ist, so beschränkt bleibt er auch, soweit man selbst nur in reflexartiger Reaktion auf die Verhältnisse verharrt. Notwendigerweise ist es die Erscheinungsebene kapitalistischer Vergesellschaftung, an der man sich stößt. Diese wiederum lässt nun ihrerseits viel Raum für Projektion oder ein Einrichten im Falschen, da die Verhältnisse selbst zu einem verkehrten, verdinglichtem Bewusstsein drängen.“4 Diese Kritik sollte sich Katja J. einmal zu Herzen nehmen.

Trotz der fehlenden Radikalität ist es also auch notwendig, im konkreten praktisch tätig zu werden und die Objekte gesellschaftlicher Repression zu unterstützen. Seit Adorno und der Kritischen Theorie ist bekannt, dass eine Theorie und Kritik der Gesellschaft nur negativ, dass heißt sie radikal verneinend, möglich ist. Es besteht ein Wechselverhältnis zwischen der gesellschaftlichen Organisation der Individuen und dem konkreten Widerstand gegen die damit einhergehenden unerträglichen Zustände. Widerstand und (Re-)Produktion bedingen sich und (ver-)formen sich gegenseitig. Ideologien erwachsen aus materiellen Verhältnissen und Lebenszuständen und formen diese wiederum. „Allgemeiner gesagt bedeutet das, daß der gesellschaftliche Prozeß, dadurch daß er die Lebensweise des einzelnen – das heißt seine Beziehung zu anderen und zur Arbeit – bestimmt, seine Charakterstruktur formt; dieser veränderten Charakterstruktur entsprechen neue Ideologien – religiöse, philosophische und politische – die sie ihrerseits intensivieren, befriedigen und stabilisieren. Die neugebildeten Charakterzüge werden dann zu wichtigen Faktoren in der weiteren ökonomischen Entwicklung und beeinflußen ihrerseits den gesellschaftlichen Prozeß. Während sie sich ursprünglich als Reaktion auf die Bedrohung durch die neuen ökonomischen Kräfte entwickelt haben, werden sie im Laufe der Zeit selbst zu Produktivkräften, welche die neue wirtschaftliche Entwicklung fördern und intensivieren.“5

Die Katastrophe der Befreiung

Die Demaskierung des Arbeitskreis Nahost als antisemitische Truppe – so der Artikel weiter – markiere diesen als „außerhalb der Linken stehend“ und sei völlig unangebracht. Es handele sich „um eine Form psychischer Gewalt“, die „im Kampf gegen Nazikader“, die „mindestens potentielle Gewalttäter und Brandstifter“ seien, zwar berechtigt ist, gegen theoretische Legitimationen der Vernichtung des jüdischen Staates6 und seiner Bevölkerung aber nicht benutzt werden dürfe. Solang man – so die Behauptung weiter verfolgend – nur verbal und schriftlich die Vernichtung des jüdischen Staates fordert und nicht praktische Konsequenzen – wie Selbstmordattentate oder Raketenangriffe – folgen lässt, besteht keine Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen oder das zu bekämpfen. Der_die Autor_in trifft auch hier gleich mehrere Fehleinschätzungen und bemerkt gar nicht, dass er_sie sich selbst in seiner Argumentation widerspricht. Es wird davon ausgegangen, eine Titulierung als antisemitisch schließe kategorisch aus, dass der Gegenstand dessen irgendwie links sei. Antisemiten können – der Argumentation folgend – ja nur Neonazis, krude Holocaustleugner oder seltsame Friedensbewegte sein. Die Realität sieht jedoch weitaus düsterer aus: gerade linke bis linksradikale Milieus sind durchsetzt von antisemitischen Haltungen. Ein paar Beispiele seien hier genannt:

1. Überall in Europa demonstrieren je nach Aktualität, Ausmaß und Zuspitzung der gesellschaftlichen Konflikte im Nahen Osten antizionistische Linke auf Großdemonstrationen gegen den Staat Israel. Sie verwenden dabei Projektionsmuster der Dämonisierung und Delegitimation des jüdischen Staates. Ihr Hass schlug dabei in der Vergangenheit mehrfach in direkte Angriffe auf Juden und Jüdinnen um und offenbarte seinen Antisemitismus so direkt7.

2. Konsens in der Partei Die LINKE ist ihr allgemeiner Pazifismus. Die militärische Intervention gegen den terroristischen und islamistischen IS und seine Taten beispielsweise wird von hochrangigen Funktionär_innen wie Christine Buchholz abgelehnt. Entsprechend der alten Imperialismus-Theorie von Lenin werden Ursachen für Kriege und Konflikte auch im Nahen Osten als Gier nach Rohstoffen und Ausbau ökonomischer Machtstellungen interpretiert. Wahlweise erscheinen so die USA bzw. Israel als krasseste Ausbeuter, deren militärische Offensiven nicht dem Schutz der jüdischen oder kurdischen Bevölkerung gelten, sondern nur aus wirtschaftlichen Interessen durchgeführt werden8.

3. Mehrfach kam es im gesamten Bundesgebiet in der Vergangenheit, wie der_die Autor_in des Artikels seltsamerweise selbst bemerkt, „mittels direkter Gewalt oder indirekten Methoden“ zu Angriffen auf als „Antideutsche“ stigmatisierte Personen, deren vermeintliches Missverhalten sich darin äußerte, sich mit dem jüdischen Staat zu solidarisieren und gegen verbale Angriffe von Neonazis, Hamas-Sympathisanten oder deutsche Friedensfreunde im konkreten zu verteidigen9.

Die radikale Linke ist also keinesfalls frei vom Antisemitismus. Wer diese Aussage nicht unterschreiben würde, macht sich nicht nur unglaubwürdig, sondern verschließt aktiv die Augen vor unerträglichen Verhältnissen, die er anzugreifen sucht. Böse könne in dieser manichäischen Auffassung nur das andere sein. Die eigene Szene, womöglich noch die eigenen Freunde Antisemiten? Niemals, das sind doch coole Leute! In Bezug auf antisemitische Äußerungen fährt so selbst ein sich als emanzipatorisch-progressiv verstehender Antifaschismus, der beim Rassismus kein Pardon kennt, einen doppelten Standard. Während durch Critical Whiteness – vollkommen zu recht – problematisiert wird, dass (un)bewusst rassistische und postkoloniale Herrschaftsprinzipien reproduziert werden, bleibt eine Reflexion des eigenen Antisemitismus aus, obwohl diese Auseinandersetzung bereits in den 90’ern in Deutschland begann. Bedeutend schlimmer jedoch ist die Unterscheidung zwischen Neonazis und andere Antisemiten, die im obigen zitierten Artikel getroffen wird, die letztendlich in sich widersprechenden Interventionstaktiken mündet. Selbstverständlich gibt es nicht zu leugnende Differenzen zwischen – zugespitzt formuliert – organisierten Neonazikadern und Verschwörungstheorie-affinen Friedensbürgern. Dennoch bestehen beide Welterklärungsmuster aus einem gemeinsamen Kitt: ihrem Antisemitismus, der bei allerlei Querfront-Bündnissen der verschiedensten politischen Spektren eine integrale Funktion erfüllt, wie zuletzt sichtbar beim jährlichen al-Quds-Tag, zu dem in Berlin tausende für die Zerstörung Israels auf die Straße gehen. Der AK Nahost unterstützt durch seine politische Agitation solche Standpunkte, die mit Hamas-Kämpfern und islamistischen Fundamentalisten solidarisch sind. Während psychische Gewalt gegen Neonazis befürwortet wird, soll man sich mit Personen, die das Existenzrecht Israel verneinen und mit falschen Behauptungen in Diskussionen hantieren, am besten an einen Tisch setzen und darüber ausgiebig sprechen. Das ist ebenso absurd die wie Forderung in Outing-Artikeln theoretische Positionen auseinander zunehmen. Gebetsmühlenartig wird – zurecht – von allen radikalen Linken abgelehnt, mit Nazis und Rassisten zu diskutieren. Sobald es aber um „Israelkritik“ geht, wird dieser Standard – um den innerlinken Burgfrieden nicht zu gefährden – über Bord geworfen. Dadurch wird eine Bewertung der Ideologien nach einem subjektiven Gefährlichkeitsgrad vollzogen, die bestenfalls noch zwischen guten und bösen Antisemiten, glühenden oder eiskalten unterscheidet und anhand der Wertung der Gewichtung entscheidet, wogegen man sich engagieren sollte. Es ist nicht hinnehmbar, wenn ein politischer Kampf gegen den anderen ausgespielt wird und sich ein anti-antideutscher Beissreflex durchsetzt um den Kampf gegen Antisemitismus zu diskreditieren. Der Text veranschaulicht daher eine fehlende Konsequenz und Widersprüche im eigenen Verhalten. Einerseits wird sich gegen Schubladendenken ausgesprochen und darüber echauffiert wie schlimm es ist, als „Extremist“ abgestempelt und mit Neonazis in einen Topf geworfen zu werden, andererseits konstruiert man eine homogene abgeschlossene Gruppe, der einheitliche Verhaltensweisen und Positionen zu den komplexesten Themen zugeschrieben werden um diese anschließend zu stigmatisieren. Der_die Autor_in obliegt demselben Prinzip und wird dem eigenen Anspruch nicht gerecht.

Grenzen der Aufklärung

Seltsam mutet es daher an, wenn selbst ein_e sich als Linke_r Verstehende_r gängige Strategien der bürgerlichen Gesellschaft aufgreift um mit Hilfe der Umkehrung von Minoritäts- und Majoritätsverhältnissen zu rechtfertigen, weswegen man etwas zum Thema XY zu sagen habe.

Solange Antisemiten keine Anschläge durchführen – so der Sinn des Artikels -, müsse man sie als legitime „Minderheitenposition“ tolerieren, gerade dass sei „Essential“ der Linken. Die gleiche Taktik wie sie der_die Autor_in des Artikels benutzt, findet sich in Argumentationen der Rechten zur Entfremdung und Bedrohung der „deutschen Kultur“, die dadurch bedroht würde, dass zu viele „undeutsche“ Migranten sie gefährden. Nach dem Prinzip des „das wird man ja wohl noch sagen dürfen, ohne gleich als Antisemit (oder Rassist, Nazi etc.) abgestempelt zu werden“ schlägt der Artikel in dieselbe Kerbe des Kampfes von unterdrückten Meinungen gegen eine „gleichgeschaltete“, vorherrschende10. Er entspricht der romantischen Vorstellung einer vermeintlich unterdrückten Meinung, deren Subjekt sich gegen seine Unterdrücker zu Wehr setzt und sich als beständiger Rebell gegen das Establishment selbst hochstilisiert.

Auf die Einschätzung, der AK Nahost wäre „außerhalb ihres eigenen Spektrums“ weder „Mobilisierungs-, diskurs- noch handlungsfähig“, lässt sich kaum anders als mit Kopfschütteln und „Tschüss“-Sagen begegnen. Wie der_die Autor_in angesichts der im Juli organisierten antiisraelischen Kundgebung mit 120 Teilnehmenden11, den zahlreichen öffentlich-wirksamen Aktionen wie den sogenannten „die-in“-Flashmobs oder Filmvorführungen zu dieser Einschätzung kommt, bleibt sein_ihr Geheimnis. Nun lässt sich freilich darüber spekulieren wie wirksam solche Aktionen sind. Sie stehen jedoch definitiv dafür, dass der AK Nahost durchaus diskursfähig ist. Wie sonst konnte er sich in Bündnissen betätigen und eine Kooperation mit Gruppen arrangieren, um beim globaLE-Filmfestival, in der naTo oder im Neuen Schauspielhaus Leipzig einen Rassismus-relativierenden und revisionistischen Film zeigen – übrigens ohne breite Kritik zu ernten? Die Positionen des AK Nahost sind ganz im Gegenteil äußerst „diskursfähig“. Erinnert sei hier zum Beispiel (noch einmal) an den Nobelpreisträger und das ehemalige SS-Panzerdivisionsmitglied Günter Grass, der für sein berüchtigtes Gedicht überwiegend Zustimmung der öffentlichen Meinung bekam. Auch im linken Sumpf erfreuen sich israelfeindliche Positionen einer großen Beliebtheit, blickt man auf immer noch existierende alte K-Gruppen, ZK-Verbände oder antizionistische Antiimperialisten, die auch in Leipzig vertreten sind und Personen, die sich israelsolidarisch zeigen, angreifen und einschüchtern. Statt diese Realität einzugestehen wird das Wirken des Outing-Artikels aufgebauscht und hochstilisiert. So heißt es in der Replik, das Outing wirke „potentiell existenzbedrohend“ für Katja J. und greife „die politische und […] wissenschaftliche Existenz“ von ihr., der Hauptorganisatorin der Propagandagruppe, an. Das, was eben noch kritisiert wurde, wird nun selbst vollzogen. Man möchte schreien „Aha, da ist er wieder, der doppelte Standard“. Entgegen der vertretenen Meinung im „Anti-Outing-Artikel“, der auch gut von der Doktorandin der Universität Leipzig selbst zur Rettung des eigenen Ansehens geschrieben sein könnte, wird „das Wirken einer >> Handvoll<< Personen“ nicht zur Bedrohung stilisiert, es ist bedrohlich. Aufgrund der angeforderten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem AK Nahost und Katja J. Als Person sei folgendes angemerkt:

1. Der gesamte AK NahOst verhöhnt tote Menschen, wie zb. Oron Shaul und die 3 entführten Jugendlichen Israelis Mitte 2014

2. Katja J. relativiert die Bedrohung des jüdischen Staates durch Hamas und räumt ihren Raketenbeschüssen nicht nur Verständnis ein, sondern sympathisiert offen mit dieser – durch die EU anerkannte – Terrororganisation. Sie glorifiziert damit Raketenangriffe und Selbstmordattentate als „Widerstand“

3. Eine Waffenruhe im Nahen Osten sei laut Katja J. keine Lösung, sie fordert letztendlich implizit12 zusätzlich zur Aussage, es handele sich beim Nahostkonflikt um keinen Krieg, eine militärische Aufrüstung der Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah.

4. Betrachtet man ihre Forderung, eine „Besatzung“ in Gaza müsse aufgehoben werden – welche übrigens seit 2005 nicht mehr besteht – und es solle eine Einstaatenlösung geben, wird offensichtlich, dass es ihr um die Vernichtung Israels geht.

5. Ihre Aussagen im Interview mit Radio Mephisto sind ahistorisch, ohne jeglichen sozialen, politischen oder historischen Kontext und Tatsachen verdrehend, ja sogar falsche Argumente anführend13.

Gegenüber solchen Antisemiten muss keine „innerlinke Diskussionsfähigkeit“, die eh kaum besteht, verteidigt werden! Mit Leuten, die auf Montagsdemonstrationen die eigenen politischen Aktionen bewerben, muss nicht diskutiert werden! Leuten, die Materialien zur Problematisierung des Nationalsozialismus stehlen und deren Verbreitung zu unterbinden zu suchen14 darf keine Bühne für ihre Propaganda geboten werden. Die Meinung der Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des AK Nahost ist keine „Minderheitenposition“ in der Linken, sondern ganz im Gegenteil Gang und Gebe. Wäre es eine Minderheitenposition, könnte ein Mob von 120 Personen nicht unter „Scheiß Juden“-Rufen durch Leipzigs Innenstadt ziehen. Wäre dem so, wäre nicht nur eine „Handvoll“ Linker im Juli nach Berlin gefahren um sich religiösen Fundamentalisten entgegen zu stellen und dabei die eigene Unversehrtheit zu riskieren. Schön wär’s. Stattdessen behauptet der Autor, der AK Nahost läge ein solidarisches Verhalten an den Tag. Dem kann nicht anders begegnet werden als es als unsinnig und puren Quatsch abzutun. Linke Szene juhu. Man kann nur hoffen, dass sich das Gro der radikalen Linken nicht diesem Nonsens anschließt, sondern aktiv auch den eigenen Antisemitismus bekämpft und dabei nicht außer Acht lässt, sich mit den Objekten dieser Hetze (praktisch) zu solidarisieren.

„Du willst so vieles sein, du stellst so vieles dar. Du sagst so vieles, aber selten ist es wahr. Du bist kein bisschen besser als die ganzen anderen Pfosten. Wir werden niemals Freunde und du bist nicht mein Genosse!“ – E123, Das Ganze

1 https://www.inventati.org/leipzig/?p=2507 (zuletzt aufgerufen: 26.10.2014)

2Zum Beispiel, wenn israelsolidarische Personen angegriffen und verletzt werden. So bei etlichen „Anti-Nazi-Protesten“ geschehen, wurde den Betroffenen im Nachhinein zur Last gelegt, dass sie Anzeige erstatteten. Anstatt sich mit den Opfern von Körperverletzungen zu solidarisieren und eine Auseinandersetzung (insofern sie überhaupt möglich ist, ist fraglich) mit den Täter_innen zu suchen, wurde kritisiert, dass diese alle Möglichkeiten ausschöpften, um ihre Angreifer für die Schäden, die sie davon trugen, zu belangen. Ein „sektiererisches Verhalten“ der Linken existiert in ihrer konsequenten Ablehnung von Zuwendung an staatliche Institutionen. Man könnte überspitzt auch von einem „Racket“-Verhalten sprechen, was aus einer prinzipiellen Ablehnung des Anzeigens von Gewalttätern besteht. Die Opfer sollten, so der O-Ton dieser Einstellung weiter, sich mit ihren Angreifern an einen Tisch setzen um nochmals darüber zu sprechen, was denn Gründe des Angriffs waren. Eine Auseinandersetzung soll so von Opfern und Tätern direkt unmittelbar erfolgen. Wenn man bedenkt, dass eine der Konfliktparteien davor schon angegriffen wurde, ist das mehr als absurd und naiv.

3 https://www.inventati.org/leipzig/?p=2497 (zuletzt aufgerufen: 26.10.2014)

4 The Future Is Unwritten, Vokü und Adorno. Und warum eins nicht ohne das andere zu haben ist, lesbar unter: http://www.unwritten-future.org/index.php/text-vokue-und-adorno-zum-primat-der-praxis/ (zuletzt aufgerufen: 26.10.2014)

5 Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, München 1990, S.79

6 Dies ist beim AK Nahost der Fall und wird nachfolgend erläutert.

8 Vgl. Moritz Kirchner, „Der Frieden und seine Grenzen“, jungle world (42) 2014, einsehbar unter: http://jungle-world.com/artikel/2014/42/50744.html (zuletzt aufgerufen: 26.10.2014)

9 Davon geht selbst der „Anti-Outing-Artikel“ aus. Bei einer ausführlichen Recherche der linken Selbstverständigungsmedien wie indymedia oder links.unten lässt sich dies auch selbst recherchieren.

10 Um nicht falsch verstanden zu werden: sachliche, konstruktive Beiträge und Fragen sollten keiner Kontrolle des Sagens und Sagen-dürfens oder potentiellem Verbot unterliegen. Diskussionen sind notwendig und Fragen müssen beantwortet werden. Genau das ist aber beim AK Nahost weder der Fall, noch sind Diskussionen möglich. Auf eine theoretische Dekonstruktion des AK Nahost wird an dieser Stelle verzichtet. Stattdessen seien folgende Artikel den Leser_innen nahe gelegt: “Israel-Kritik” revisited: Die Judenhasser lassen die Maske fallen, Publikative.org, einsehbar unter: http://www.publikative.org/2014/07/18/israel-kritik-revisited-die-judenhasser-lassen-die-maske-fallen/ (zuletzt aufgerufen: 26.10.2014) https://linksunten.indymedia.org/en/node/119629 http://www.cicero.de/dossier/antisemitismus-der-linken http://www.publikative.org/2012/12/31/augsteins-israelkritik-eine-frage-der-obsession/

http://www.ca-ira.net/verlag/buecher/poliakov-antizionismus.html und vor allem: http://www.salzborn.de/txt/nbkk-bd2.pdf

12Diese Forderung lässt sich auch nur so formulieren, da sie sich mit einer expliziten Äußerung selbst ins Bein schießen würde. Selbstverständlich fordert niemand aus dem politischen Spektrum der Linken eine Aufrüstung der Hamas direkt. Stattdessen werden solche Forderungen in Umformulierungen entschärft, um dadurch Sympathie zu erheischen.

13 Diese Vorwürfe basieren auf den Aussagen Katja J.’s in einem Interview mit dem Universitätsradio Mephisto. Nachzuvollziehen unter: http://mephisto976.de/news/wir-wollen-uns-solidarisieren-44276 (zuletzt aufgerufen: 31.10.2014)

14 So im Vorfeld eines Vortrages der Gruppe [E]manzipation & [A]ntifaschismus aus Leipzig unter dem Titel Über „Tabubrecher“ und „Israelkritiker“, bei dem der Mitglieder des AK Nahost Werbematerialien der D-Day Kampagne stahlen. Die Kampagne thematisiert den 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie, mit dem die Großoffensive gegen den nationalsozialistischen Terror begann.

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